7. Juni 2026
Meine Zeit mit Gabi
Manchmal werde ich gefragt, wie ich das mache. Wie ich es schaffe, mich Woche für Woche mit dem Tod, dem Schmerz und dem Verlust anderer Menschen zu beschäftigen.
Das ist in der Tat nicht immer leicht.
„Du musst dich gut abgrenzen“, hören wir in helfenden Berufen oft.
Ich verdiene mit meiner Arbeit als Trauerrednerin meinen Lebensunterhalt und weiß darum, dass ich all‘ den Kummer nicht mit nach Hause nehmen sollte und besonders auf mich aufpassen muss.
Aber die Wahrheit ist: Jeder einzelne Sterbefall ist für mich so viel mehr als nur ein Auftrag. Ich kann mein Herz nicht am Eingang abgeben und möchte es auch nicht.
Manchmal, in ganz besonderen Momenten, passiert durch diese intensive Begleitung nämlich auch etwas ganz Wundervolles.
Aus dem ersten Kennenlernen in einer Ausnahmesituation und der Begleitung durch diese besondere Zeit entsteht eine tiefe Verbundenheit, die über den Tag der Trauerfeier hinausgeht.
Und manchmal, wenn das Schicksal es so will, wird daraus eine echte Freundschaft.So war es mit Gabi. Ende 2024 lernten wir uns durch einen Trauerfall kennen und schätzen.
Nach der Trauerfeier riss unser Faden nicht ab und eines Tages lud Gabi mich zu sich nach Hause ein. Was für ein Tag, was für ein Abend das war! Wir gingen lecker essen, wir haben zusammen gelacht und geweint, wir haben über Gott und die Welt philosophiert. Kennen Sie das Gefühl, wenn man jemanden trifft und sofort spürt: Wir kennen uns eigentlich schon ewig? Genau so war es mit uns. ❤️
Dann kam der Tag, zwei Tage vor Weihnachten im letzten Jahr. Mein Telefon klingelte. Gabi war am Apparat und sagte die Worte, vor denen wir uns alle fürchten: „Ich bin krank, sehr krank.“
Von diesem Moment an wurde unser Band noch enger. Es folgten unzählige Telefonate, endlose WhatsApp-Nachrichten und Besuche im Krankenhaus. Doch die Gewissheit traf uns schnell und unbarmherzig: Es gab keine Hoffnung, keine Heilung, keine Chance auf ein paar Jahre mehr.
Gabi kam ins Hospiz, wo wir noch einmal ein großes Stück näher zusammenrückten.
Ich erinnere mich so gut an die Stunden, die wir auf der Terrasse ihres Zimmers verbracht haben. Wir haben all die Dinge ausgesprochen, die einfach gesagt werden wollten. Wir haben miteinander geweint, haben mit dem Schicksal gehadert und uns im nächsten Moment wieder voller Dankbarkeit darüber gefreut, dass wir uns überhaupt für diesen kostbaren Augenblick im Leben hatten. Zwischendurch kehrten wir in unseren Gesprächen immer wieder zu den alltäglichen Geschehen dieser Welt zurück , denn Gabi stand trotz allem weiterhin in gewisser Hinsicht mitten im Leben.
Diese Besuche waren für mich ein riesiges Geschenk. Gabi kam, genau wie ich, aus der Arbeit mit jungen Menschen, einer Arbeit, die ich neben meiner Tätigkeit als Trauerrednerin bis heute ausübe. Ihre Sicht auf das Leben hat mich zutiefst bereichert. Sogar noch aus ihrem Bett im Hospiz heraus war sie darauf bedacht, Kontakte für mich zu knüpfen und mir Türen zu öffnen.
So war sie einfach, bis zuletzt für andere da, immer bereit zu helfen und fest entschlossen, in jedem Menschen das Gute zu sehen. Ich habe so unendlich großen Respekt vor dem, was sie in ihrem Leben geleistet hat.Mehr als zwei Monate im Hospiz sind heute zu Ende gegangen.
Mehr als ein halbes Jahr lebten wir mit dem täglichen Gedanken an den Tag X. Ich habe mich in dieser Zeit oft gefragt, wie es wohl sein muss, mit diesem Gedanken abends einzuschlafen und morgens wieder damit aufzuwachen. Eine tiefe, schwere Traurigkeit überfällt mich, wenn ich daran denke, dass Gabi diesen Weg so lange Zeit gehen musste. Genau deshalb bin ich heute, trotz aller Tränen, dankbar, dass sie nun ihren Frieden gefunden hat.
Ein kleiner, schmerzhafter Gedanke bleibt: Eine Frikadelle bin ich ihr schuldig geblieben. Ich hätte sie ihr so gerne noch mitgebracht. Gabi liebte Frikadellen, Schnitzel, Kuchen und Marzipan. Aber vor allem liebte sie die Menschen. Vielleicht nicht alle, aber die allermeisten.
Eines Tages, als wir wieder einmal darüber nachdachten, was wohl auf uns alle wartet, wenn wir diese Welt verlassen, sah sie mich an und sagte: „Wenn ich eins nicht leiden kann, dann ist es Leberwurst. Und mir hat jemand erzählt, im Himmel gibt es an jeder Ecke Bäume mit Leberwurstbrötchen. Das fehlt mir auch noch!“
Liebe Gabi, ich werde dich für immer in meinem Herzen tragen und ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du jetzt an einem Ort bist, wo die Frikadellen zu Hause sind und die Bäume Schnitzel tragen.
Danke für deine Zeit, dein Vertrauen und deine Freundschaft. ❤️
